Eröffnung am 1. November 2026 – Anfragen sind schon jetzt möglich. Jetzt anfragen
Nadine ThiessenhusenKinesiologie & Energiebehandlung
Impuls · Kinder & Familie

Mein Kind bekommt Förderung – warum ändert sich nichts?

ca. 4 Min. Lesezeit

Ein Kind bekommt Nachteilsausgleich. Es geht zur Lerntherapie, zweimal die Woche. Zu Hause wird geübt, die Eltern sind engagiert, die Schule bemüht sich. Auf dem Papier ist alles richtig.

Und trotzdem verändert sich nichts.

Ich habe diese Situation über viele Jahre immer wieder erlebt – als Sozialpädagogin im heilpädagogischen Heim, als Schulsozialarbeiterin an einer Grundschule mit Förderschwerpunkt LRS, in der Familienhilfe und als Schulbegleiterin an einer Lernförderschule. Es waren nicht die Fälle, in denen jemand geschlampt hatte. Es waren die, in denen alle ihr Bestes gaben und es trotzdem nicht reichte.

Das System sieht, was sichtbar ist

Unser Fördersystem funktioniert nach einer klaren Logik: Etwas fällt auf, wird diagnostiziert, bekommt einen Namen – und zu diesem Namen gehört eine Maßnahme. Lese-Rechtschreib-Schwäche, also Lerntherapie. Auffälligkeiten in der Feinmotorik, also Ergotherapie. Sprachliche Schwierigkeiten, also Logopädie. Rückstand, also mehr Übung.

Diese Logik ist nicht falsch. Sie hat unzähligen Kindern geholfen, und ich möchte sie nicht schlechtreden.

Sie hat nur eine Voraussetzung: Sie funktioniert, wenn das Sichtbare auch das Eigentliche ist.

Wenn das Sichtbare nicht das Eigentliche ist

Es gibt Kinder, bei denen die Schwierigkeit beim Lesen tatsächlich eine Schwierigkeit beim Lesen ist. Bei ihnen wirkt mehr Übung.

Und es gibt Kinder, bei denen das Lesen das ist, woran man merkt, dass etwas anderes nicht stimmt. Bei ihnen führt mehr Übung zu mehr Anstrengung, mehr Frust, mehr Abwehr – und irgendwann zu einem Kind, das sich für dumm hält.

Der Unterschied ist von außen kaum zu erkennen. Beide Kinder sehen im Unterricht gleich aus. Beide fallen bei denselben Tests auf. Beide bekommen dieselbe Maßnahme.

Der Terminplan eines Achtjährigen

Was in dieser Logik selten mitbedacht wird, ist das, was sie mit der Woche eines Kindes macht.

Montag Ergotherapie, Mittwoch Logopädie, Donnerstag Lerntherapie, dazwischen Hausaufgaben und die Übungen, die aus jeder dieser Stunden mitkommen. Ein Kind, bei dem mehreres zusammentrifft, hat nach der Schule oft kaum einen Nachmittag, an dem nichts ansteht.

Für Erwachsene klingt das nach einem vollen, aber machbaren Kalender. Für ein Kind bedeutet es: Nach sechs Stunden Schule, in denen ohnehin das meiste schwerfällt, kommt der Teil, in dem weiter an dem gearbeitet wird, was schwerfällt.

Und genau die Kinder, die am meisten Termine haben, sind oft die, die am dringendsten unverplante Zeit bräuchten – Zeit zum Spielen, zum Nichtstun, zum Einfach-Kind-Sein. Zeit, in der sie nicht daran erinnert werden, dass etwas an ihnen bearbeitet wird.

Ich sage das nicht, um Therapien in Frage zu stellen. Ergotherapie und Logopädie leisten sehr viel, und viele Kinder brauchen sie. Es ist eher eine Frage, die im Alltag untergeht: Was von alledem trägt gerade – und was ist einfach nur noch ein Termin?

Was dabei mit dem Kind passiert

Was ich am schwersten fand, war nicht der ausbleibende Fortschritt. Es war das, was sich parallel dazu aufbaute.

Ein Kind, das sich anstrengt und keine Veränderung erlebt, zieht irgendwann eine Schlussfolgerung. Meistens keine über die Methode, sondern eine über sich selbst.

Es liegt nicht daran, dass die Förderung nicht passt – es liegt an mir. Ich bin zu langsam. Ich schaffe das nicht.

Dieser Satz sitzt oft tiefer als jede Lernschwäche. Und er hält länger.

Und was mit den Eltern

Eltern tragen das mit, meist ohne dass es jemand bemerkt. Sie koordinieren Termine über die Woche, fahren quer durch die Stadt, warten in Wartezimmern, füllen Anträge aus, kämpfen um Verordnungen und Kostenübernahmen. Sie sitzen in Elterngesprächen, in denen ihnen erklärt wird, was ihr Kind noch nicht kann. Und sie üben am Küchentisch, während sie merken, dass die Stimmung kippt.

Viele zweifeln irgendwann an sich: Mache ich zu wenig? Oder zu viel? Bin ich zu nachsichtig – oder sollte ich lockerlassen?

Diese Erschöpfung hat kaum einen Ort, an dem sie sein darf. In den Gesprächen geht es um das Kind – verständlicherweise. Aber ein Familiensystem, das dauerhaft unter Spannung steht, wirkt auf alle zurück, auch auf das Kind.

Was ich daraus gelernt habe

Ich glaube nicht, dass es dieselbe Förderung nur intensiver braucht. Ich glaube, dass es manchmal einen anderen Blickwinkel braucht – auf das, was unter dem Sichtbaren liegt.

Das ist keine Absage an Lerntherapie, Ergotherapie, Logopädie oder schulische Förderung. Diese Wege haben ihren Platz, und sie sollten weitergegangen werden. Es ist eher die Frage, ob es daneben noch etwas gibt, das bisher nicht betrachtet wurde.

Genau dort setzt meine heutige Arbeit an – und genau deshalb habe ich sie begonnen.

Über die Autorin
Nadine Thiessenhusen ist Diplom-Sozialpädagogin, Kinesiologin und ausgebildete Lernbegleiterin aus Dresden. Sie arbeitete unter anderem als Schulsozialarbeiterin an einer Grundschule mit Schwerpunkt LRS, als Schulbegleiterin an einer Lernförderschule, in der Erwachsenenbildung und als sozialpädagogische Familienhelferin. Heute begleitet sie Kinder, Jugendliche und Erwachsene deutschlandweit als kinesiologische und energetische Fernbegleitung.

Unverbindlich anfragen