Kurz gesagt: Brain Gym® ist eine Sammlung einfacher Bewegungsübungen aus der Kinesiologie. Fünf davon eignen sich besonders gut als kleines Ritual vor den Hausaufgaben: Wasser trinken, die Überkreuzbewegung, die liegende Acht, die Denkmütze und die positiven Punkte. Zusammen dauern sie etwa fünf Minuten, brauchen kein Material und können Kindern helfen, nach der Schule anzukommen und ruhiger zu starten.
Der Ranzen ist ausgepackt, das Heft liegt auf dem Tisch. Und dann: Zähneknirschen, Aufstehen, Bleistift anspitzen, noch mal etwas trinken.
Viele Eltern kennen diese zehn Minuten, in denen noch nichts passiert und die Stimmung trotzdem schon kippt.
Aus meiner Arbeit als Lernbegleiterin und Schulsozialarbeiterin weiß ich: Oft liegt es nicht am Wollen. Ein Kind, das sechs Stunden stillsitzen und funktionieren musste, ist innerlich noch gar nicht am Schreibtisch angekommen. Genau hier können ein paar Minuten Bewegung einen Unterschied machen.
Was ist Brain Gym – und warum gerade vor den Hausaufgaben?
Brain Gym wurde in den 1980er-Jahren von dem US-amerikanischen Pädagogen Paul Dennison entwickelt. Es stammt aus der Edu-Kinestetik, einer Richtung der Kinesiologie, die sich mit Lernen und Bewegung beschäftigt. Mehr zur Kinesiologie allgemein findest du im Impuls Was ist Kinesiologie – und was kann sie nicht?
Die Übungen sind kurz, einfach und für Kinder ab dem Kindergartenalter geeignet. Vor den Hausaufgaben haben sie einen ganz praktischen Nutzen: Sie markieren einen Übergang. Das Kind bewegt sich, atmet durch und kommt körperlich an – bevor der Kopf gefragt ist.
Die 5 Übungen im Überblick
1. Wasser trinken
Dauer: 1 Minute
Klingt fast zu einfach, gehört aber fest dazu. Viele Kinder trinken in der Schule kaum etwas. Ein Glas Wasser, in Ruhe getrunken, ist der erste kleine Schritt vom Schultag in die Hausaufgabenzeit. Schon ein leichter Flüssigkeitsmangel kann müde und unkonzentriert machen – ein Glas Wasser ist also ein guter Start.
Tipp: Stellt das Glas schon hin, bevor das Kind nach Hause kommt. Dann wird es zum festen Startsignal.
2. Die Überkreuzbewegung
Dauer: 1 Minute
So geht’s:
- Stell dich aufrecht hin.
- Hebe das rechte Knie an und berühre es mit der linken Hand. Hole dabei mit dem gestreckten linken Arm von hinten weit aus, um schließlich am rechten Knie anzukommen.
- Dann das linke Knie mit der rechten Hand.
- Immer im Wechsel, in einem ruhigen Rhythmus, etwa 10- bis 15-mal pro Seite.
Die Bewegung erinnert ans Marschieren. Jüngere Kinder haben oft Spaß daran, wenn Musik läuft oder ihr zusammen zählt.
3. Die liegende Acht
Dauer: 1 Minute
So geht’s:
- Streck einen Arm nach vorne aus und stell den Daumen nach oben.
- Male mit dem Daumen langsam eine große liegende Acht in die Luft – wie ein Unendlichkeitszeichen.
- Beginne in der Mitte und fahre zuerst nach links oben.
- Die Augen folgen dem Daumen, der Kopf bleibt möglichst ruhig.
- Je drei Achten mit dem linken Arm, dem rechten Arm und beiden Händen gefaltet.
Die Übung ist ruhig und konzentriert. Sie eignet sich gut vor Lese- und Schreibaufgaben.
4. Die Denkmütze
Dauer: 30 Sekunden
So geht’s:
- Nimm beide Ohren mit Daumen und Zeigefinger am oberen Rand.
- Rolle den äußeren Ohrrand sanft nach außen aus und arbeite dich dabei langsam bis zum Ohrläppchen nach unten.
- Das Ganze dreimal wiederholen.
Die Denkmütze ist unauffällig und lässt sich auch zwischendurch machen, etwa wenn mitten in der Matheaufgabe der Faden reißt.
5. Die positiven Punkte
Dauer: 1 Minute
So geht’s:
- Setz dich bequem hin oder bleib ruhig stehen.
- Such die zwei Punkte auf der Stirn: jeweils über der Mitte der Augen, etwa auf halber Höhe zwischen Augenbraue und Haaransatz. Dort spürt man eine leichte Wölbung.
- Lege die Fingerspitzen beider Hände ganz leicht auf diese Punkte, ohne Druck.
- Schließe die Augen, wenn es sich gut anfühlt, stelle dich gedanklich auf die Hausaufgaben ein und atme etwa eine Minute ruhig ein und aus. Wenn du ein gutes Gefühl hast, bist du bereit für deine Hausaufgaben.
Die positiven Punkte sind die ruhigste der fünf Übungen und ein guter Abschluss. Sie sind leicht zu finden und kaum falsch zu machen. Kinder können sie allein ausführen, oder ein Elternteil legt die Fingerspitzen sanft auf. Die Übung eignet sich auch zwischendurch, wenn ein Kind vor einer Aufgabe aufgeregt ist oder sich ärgert.
So wird es zur Routine: Tipps für Eltern
Die Übungen selbst sind einfach. Schwieriger ist es, sie im Alltag beizubehalten. Diese Punkte haben sich in meiner Arbeit mit Familien bewährt:
- Immer zur gleichen Zeit. Zum Beispiel direkt nach dem Mittagessen, bevor das Heft aufgeschlagen wird. Ein fester Ablauf spart Diskussionen.
- Mitmachen statt anleiten. Kinder machen lieber mit, wenn Mama oder Papa auch dabei sind. Und euch selbst tun fünf Minuten Pause meist auch gut.
- Kein Zwang. Wenn eine Übung heute gar nicht passt, lasst sie weg. Das Ritual soll entlasten, nicht zur nächsten Pflicht werden.
- Dranbleiben. Die Übungen wirken nicht wie ein Schalter. Gebt ihnen einige Wochen, bevor ihr bewertet, ob sie eurem Kind guttun.
- Das Kind entscheiden lassen. Fragt nach einer Weile: Welche Übung magst du am liebsten? Viele Kinder haben schnell einen Favoriten.
Ehrlich eingeordnet: Was Brain Gym kann und was nicht
Du wirst im Netz viele große Versprechen zu Brain Gym finden, zum Beispiel, dass die Übungen die Gehirnhälften verbinden oder Lernstörungen beheben. Solche Aussagen sind wissenschaftlich nicht belegt, und ich mache sie auch nicht.
Was ich aus meiner Praxis sagen kann: Kurze Bewegungspausen, ein fester Ablauf und ein bewusster Übergang vom Schultag in die Lernzeit tun vielen Kindern gut. Sie helfen, runterzukommen, sich zu sammeln und mit etwas weniger Druck anzufangen. Genau dafür setze ich die Übungen ein.
Brain Gym ersetzt keine Lerntherapie, keine Förderung und keine ärztliche Abklärung. Wenn dein Kind dauerhaft große Schwierigkeiten beim Lernen hat, sprich mit der Schule, dem Kinderarzt oder einer Beratungsstelle. Warum Förderung allein manchmal trotzdem nicht reicht, beschreibe ich im Impuls Mein Kind bekommt Förderung – warum ändert sich nichts?
Häufige Fragen zu Brain Gym
Ab welchem Alter eignen sich die Übungen?
Die meisten Übungen können Kinder ab etwa vier Jahren mitmachen. Für Hausaufgaben sind sie vor allem im Grundschulalter beliebt, sie eignen sich aber genauso für Jugendliche und Erwachsene.
Wie lange dauern die Übungen?
Alle fünf zusammen dauern etwa fünf Minuten. Wenn es schnell gehen muss, reichen auch zwei davon, zum Beispiel Wasser trinken und die positiven Punkte.
Wie oft sollte man Brain Gym machen?
Am besten täglich und immer zur gleichen Zeit. Die Regelmäßigkeit macht aus einzelnen Übungen ein Ritual.
Was ist, wenn mein Kind keine Lust hat?
Das ist normal. Macht die Übungen gemeinsam, lasst das Kind eine Lieblingsübung wählen, und nehmt Druck raus. Ein Ritual, das erzwungen wird, entlastet niemanden.
Ist Brain Gym dasselbe wie Kinesiologie?
Nein. Brain Gym ist ein Werkzeug aus der Edu-Kinestetik, einer Richtung der Kinesiologie. In meiner kinesiologischen Fernbegleitung gebe ich die Übungen oft passend zum Anliegen für zuhause mit.
Zum Schluss
Fünf Minuten, ein Glas Wasser und ein bisschen Bewegung lösen nicht jedes Hausaufgabenproblem. Aber sie können den Start leichter machen – für dein Kind und für dich.
Wenn du merkst, dass hinter dem täglichen Kampf am Schreibtisch mehr steckt, schau gern auf meine Seite Mein Kind / meine Familie. Oder schreib mir in ein, zwei Sätzen, was euch beschäftigt.
Über die Autorin
Nadine Thiessenhusen ist Diplom-Sozialpädagogin, Kinesiologin und ausgebildete Lernbegleiterin aus Dresden. Sie arbeitete unter anderem als Schulsozialarbeiterin an einer Grundschule mit Schwerpunkt LRS, als Schulbegleiterin an einer Lernförderschule, in der Erwachsenenbildung und als sozialpädagogische Familienhelferin. Heute begleitet sie Kinder, Jugendliche und Erwachsene deutschlandweit als kinesiologische und energetische Fernbegleitung.
Markenhinweis: Brain Gym® ist eine eingetragene Marke von Brain Gym® International / Educational Kinesiology Foundation (BTi Breakthroughs International). Die Übungsbeschreibungen in diesem Beitrag sind eigene Formulierungen der Autorin.
